Impatiens noli-tangere

Gumbrecht und Willach saßen nun wie die meisten anderen am Feuer, aber Cedrik und Frauke standen abseits. Fraukes Augen waren feucht, Tränen einer nie verwundenen Demütigung, eines ungebrochenen Hassses und einer noch nach Monaten lodernden Wut. Cedrik sagte, dass er damals in der Kaffeeküche ihrer Abteilung gerne dabei gewesen wäre. In diesem Fall hätte sich Wolff wahrscheinlich erst gar nicht getrauut so zu reden und wenn, dann hätte er ihn zurecht gestaucht. Frauke sagte, dass sie es vor allen Dingen nicht verstehen könne, weshalb sie nicht einfach hineingegangen war. Wenn sie sich wenigstens vor der Küche zum Beispiel mit einem Hüsteln bemerkbar gemacht hätte. Wolff hätte dann sicher geschwiegen.

-- ,,Aber wie ein Kaninchen stand ich da ...'', begann Frauke wieder nach einer Weile. ,,wie eines nachts auf der Straße, ...im Scheinwerferlicht! ...Die sitzten starr und rennen nicht wegen, während ein Auto heranbraust. Starren nur gebannt ins Licht. Ich habe auch die Gefahr gespürt, und im Nachhinein kann ich überhaupt nicht verstehen, warum ich einfach stehen geblieben bin.''

Sie wusste es, aber sie wollte es Cedrik nicht sagen. Wenn sie unter Depressionen litt war ihr alles egal, was um sie geschah. Manchmal kam es ihr dann sogar so vor, als zöge sie Ärger wie Licht die Motten an. Aber niemand außer ihrem Mann Holger wusste, dass sie unter Depressionen litt. Holger hatte dafür absolut kein Verständnis. Wenn ihre Depressionen beginnen, zeigt er sich meist noch recht besorgt und liebevoll. Aber wenn seine ebenso phantasielosen wie nutzlosen Ratschläge, wie üblich, nicht fruchten, wird er zunehmend aggressiver. Dann beginnt er herumzuschreien. Womit er das verdient habe, lamentierte er dann. Holger war perfekt. Ihm unterliefen nie Fehler. Aber wenn ,,seine Frau nicht spurte'', dann war das wie ein persönliches Versagen. Wenn er sie anbrüllte, sie solle sich doch mal umschauen, sie habe doch alles, wovon andere Frauen nur träumen, dann klang das wie eine eigene Unschuldsbeteuerung. Was sie denn wolle, fragte er sie immer wieder und gab ihr unverzüglich die seiner Meinung nach passenden Antworten. Er verdiene mehr als alle andere Männer in ihrem Bekanntenkreis. Dann, wenn die Depressionen nicht zu stark waren, wehrte sie sich, sagte, dass sie selbst genug verdiene, dass sie sein Geld also nicht brauche. Peanuts im Vergleich zu ihm sei das, konnterte er dann verächtlich. Ihr Geld langte noch nicht einmal um die laufenden Zinszahlungen an die Bank zu bedienen. Andere Frauen beneideteten sie um ihn. Hätten sie denn nicht eines der tollsten und größten Häuser des ganzen Bezirks, eines, dass sie sich mit ihrem Gehalt nicht leisten könnten. Er könne nicht verstehen, dass sie herumlungere wie eine Schlampe. Seine Mutter habe ihn schon immer vor ihr gewarnt, sagte er einmal verächtlich zu ihr. Tiefer hätte er sie kaum verletzen können. Irgendwas in ihr, sagte ihr damals sofort, dass sie gehen müsse, um nie mehr zurückzukehren, aber bewegungslos mit verschlossenem Mund und zitternden Lippen blieb sie vor ihm stehen und starrte paralysiert in seine funkelnden Augen.

-- ,,Einfach weg aus dem Scheinwerferlicht und nichts könne ihnen passieren. Warum bleiben die sitzen'', sagte Cedrik, ,,Aber vielleicht stimmt es ja auch gar nicht, vielleicht bleiben die Kaninchen auch gar nicht im Scheinwerferlicht stehen!''

-- ,,Du hast recht, dümmer wie ein Kaninchen habe ich mich angestellt!''

-- ,,Also so meinte ich das nicht!''

In der Firma konnte sie sich immer auch während ihrer depressiven Phasen besser zusammenreißen als zu Hause. Niemand wusste dort davon. Ihr Verhalten erklärte sie mit Magenverstimmungen, Erkältungen oder Migränen. Aber auch dort verharrte sie of minuten- oder stundenlang tatenlos vor ihrem Schreibtisch.

Es wäre ihr ja egal, was Wolff im Geheimen über sie sagte, haspelte Frauke und Cedrik spürte, dass dies auch nicht stimmte. Aber warum machte er sich in aller Öffentlichkeit über sie lustig.

-- ,,Vielleicht dachte er, dass sie alleine seien!'', sagte Cedrik und konnte nicht verstehen, warum er Wolff verteidigte.

-- ,,In der Kaffeeküche bei geöffneter Türe? Willach war dabei und, was ich am schlimmsten fand, die beiden Studenten. Fast noch Kinder''

Auch wenn ihr Name nicht gefallen war, zumindest nicht während sie lauschte, sei ihr sofort klar geworden, dass er sie meine.

Das was Frauke vor der Küche zu hören bekam, war -- auch wenn es sie bereits im tiefsten Inneren kränkte -- noch harmlos im Verhältnis zu dem, was Wolff einmal in Cedriks Besein über sie gesagt hatte, dachte Cedrik. In einer Besprechung, an der außer Cedrik und Wolf nur Lutz Willach teilgenommen hatte, sagte er mehr zu Willach als zu ihm, dass er wisse, was Frauke fehle. Also wenn man ihn fragte, dann gehöre es der mal richtig besorgt. Cedrik war entsetzt über die vulgäre Sprache und dennoch hatte er nur verlegen gelächelt, während Willach seinem Kumpel Beifall zollte. So eine Sprache glaubte Cedrik seit seiner Jugend nicht mehr gehört zu haben. So sprachen seiner Meinung pubertierende Jungen, aber nicht hochgebildete Männer. Ob er mal ihren Macker gesehen habe, fragte Wolff dann Willach und drehte sich anschließend in Richtung Cedrik, während er fortfuhr mit seiner ordniären Analyse von Fraukes Mann. Dieses Würstchen -- und Cedrik fühlte sich selbst auch von Wolff in diese Kategorie gesteckt -- sei doch kein richtiger Mann. Ob er ihren Mann kenne, hatte Cedrik damals erstaunt von Wolff wissen wollen. Irritiert sagte Wollf, dass er ihn nur einmal von weitem gesehen habe, im Auto, als er Frauke von der Arbeit abgeholt hatte. Aber ein Blick habe ihm genügt, zu wissen woran er sei, versicherte ihm Wolff. Ein Würstchen, ein gängiges Schimpfwort, aber noch nie vorher, hatte Cedrik über eine mögliche tiefere Bedeutung nachgedacht. Als Würstchen werden nur Männer tituliert nie Frauen. Damals in der Besprechung mit Wolff war Cedrik mit einem Schlag klar warum. Wenn Wolff von Würstchen sprach, dann ging es um das größte männliche Problem. Ist er lang genug? Fraukes Mann sei ein Würstchen, sagte Wolff und meinte damit, dass er selbst den längeren habe. Aber Wolff glaubte noch mehr zu wissen über den Mann, den er überhaupt nicht kannte. Dieser Weichling habe keine Ahnung, wie man es einer Frau richtig besorge. Wolffs vor Selbstbewusstsein strotzendes Grinsen untermalte den unausgesprochenen Nachsatz ,,aber ich!''. Weichling, noch so ein Wort aus Wolffs nicht allzu tief sitzendem Unterbewusstsein, dachte Cedrik. Fraukes Mann, ein Mann mit einem zu klein geratenen Schwanz, der noch nicht einmal richtig hart wurde, das war zu viel oder besser zu wenig für jede Frau, auch wenn die Größe angeblich keine Rolle spielt. Damals ließ Wolff kein Wort in der Gosse. Es würde ihn nicht wundern, wenn diser Schlappschwanz schwul sei. Das sei einer, der wisse nichts mit einer Frau anzufangen. Die brauche mal einen richtigen Mann. ,,So einer wie du!'', scherzte Willach, aber im Klang seiner Stimme mischte sich Bewunderung und Neid.

Aber vor der Kaffeeküche, als Frauke Wolffs Gespräch belauschte, ging es um sie und nicht um ihren Mann.

-- ,,Die läuft rum'', sagte Wolff in der Kaffeeküche, während Frauke alles mithörte, ,,als stände auf der Stirne `Rühr-mich-nicht-an'! ...Wie diese Pflanze ...habe ich kürzlich im Fernsehen gesehen. Die Fruchtkapseln dieser Pflanzen sind prallgefüllt mit Saft ...PRALLgefüllt mit SAFT!''

-- ,,Du bist sicher, dass es um Pflanzen ging!'', hörte sie Willachs vor Lachen zitternde Stimme ,,War es nicht eine dieser Ruf-mich-an-dreimal-die-sechs-neun-dreimal-die-sechs Nummern?''

-- ,,Man braucht sie nur leicht zu berühren ...'', fährt Wolff fort, nun sichtlich bemüht, bewusst die Zweideutigkeit zu waren ,,Eine zarte Berührung und die platzen ...explosionsartig ...und verspritzen ihren Samen in die Umgebung!''

-- ,,Also Samen würde sie wohl kaum verspritzen!'', sagte Willach und alle lachten. ,,Aber ich kann mir schon vorstellen, dass solche scheinbar frigiden Frauen in ihrem tiefen Innern ganz heiß sein können, ...es muss nur der richtige kommen, der weiß ...'', er überlegte und dann kam wieder der Techniker in ihm durch ,,der weiß, welchen Schalter man umlegen muss!''

-- ,,Schalter umlegen, Schalter umlegen, finde ich Klasse!'', stimmten alle vier in einen vierstimmigen Kanon ein.

Wie paralysiert habe sie vor dem Raum gestanden und konnte fast nicht mehr atmen. Sie hatte weder die Kraft in die Küche zu gehen noch in ihr Büro zurückzukehren.

Wolff hechelte weiter, sagte, dass er solche Frauen kenne. Da stimme meistens schon zu Hause was nichts. Die seien verhaltensgestört. Hänge meistens mit der Religion zusammen, dozierte Wolff. Verkappte Heilige. Sie ekeln sich vor Sex und Männern. Die beiden Studenten verließen lachend den Raum, und stutzen und erröteten, als sie Frauke sahen.

Ohne ein Wort zu sagen rannte sie weg, verschüttete dabei einen Teil ihres Kaffees.

-- ,,Eine Ewigkeit saß ich zitternd in meinem Raum. Fürchtete mich, wenn ich Schritte auf dem Flur hörte.''

-- ,,Vor Wolff?''

-- ,,Ich schämte mich!''

-- ,,Also Wolff musste sich schämen! Du hast doch nichts gemacht! Warum solltest du dich schämen?''

-- ,,Eben! Ich hatte nichts gemacht! Er zog mich in den Dreck. Degradierte mich zu einem Sexobjekt, ...noch dazu zu einem für ihn unbrauchbaren Sexobjekt. Er beleidigte meine Familie und ich rannte weg. Statt hineinzugehen.''

-- ,,Ich denke, es war richtig zu gehen!''

-- ,,Es verfolgt mich. Seitdem träume ich immer wieder von dieser Situation. Ich will reingehen, ihn anbrüllen `HERR DOKTOR WOLFF, sie vor allen Männern müssten doch wissen, dass es Männer gibt vor denen man sich EKELT, EKELN MUSS!' ''. Aber entweder kommt kein Laut aus meinem Mund, auch wenn ich spreche oder ich ich kann mich nicht bewegen. Liege paralyisiert auf dem Flur und kann noch nicht einmal mehr krabbeln.''

-- ,,Das ist ja schrecklich!'', sagte Cedrik.

-- ,,Im Prinzip hatte er sogar recht! Ich bin gestört, schon von meinem Elternhaus her! ...Aber ich hasse ihn ...wie ich noch nie einen Menschen gehasst habe.''

-- ,,Kann ich verstehen!'', pflichtete ihr Cedrik bei.

-- ,,Nein, kannst du nicht! ...Wenn den heute einer der Jäger versehentlich erschossen hätte, dann ...'', sie zögerte ,,wäre es mir egal gewesen ...nein, ich wäre froh gewesen! ...''

-- ,,Morgen ist ja auch noch ein Tag. Vielleicht jagen sie ja wieder!'', sagte Cedrik verkrampft lachend.

Frauke rieb sich mit einer Handfläche über ihren Mund und schloss dabei ihre Augen. Cedrik spürte, dass sie jetzt schweigen würde.

Sie könnten sich ja auch etwas zu essen und zu trinken holen und sich am Feuer niederlassen, schlug Cedrik vor. Aber sie war ausweichend, sagte, dass er schon mal vorgehen könne. Sie brauche ein wenig Abstand von den anderen. Ich kann mich jetzt nicht ans Feuer setzen und Wolff anstarren, als sei nie etwas geschehen.

-- ,,Ich gehe nachher noch ein wenig spazieren, denn ich habe keine Lust hier zu sein und über glühende Kohlen zu laufen!'', sagte Frauke.

-- ,,Wenn all die anderen dabei sind, wird Wolff schon nicht ...''

-- ,,Ich meinte das Feuerlaufen!'', unterbrach ihn Frauke.

-- ,,Welches Feuerlaufen?''

-- ,,Ach, du warst gar nicht dabei, als Garda den Highlight des Abends erläuterte!''

Garda hatte einigen aus der Gruppe erläutert, dass sie später über glühende Kohlen schreiten würden. Damit sollten brachliegende mentale Kräfte aktiviert bzw. reaktiviert werden. Außerdem stärke es die Gruppendynamik und es wirke nachhaltig auf das Arbeitsleben nach.

Man könne ihn nicht zwingen über glühende Kohlen zu laufen, hatte sich Burbacki sofort gewehrt. Garda hatte gesagt, dass niemand gezwungen würde, aber am Schluss würden alle freiwillig mitmachen. Sie habe darin Erfahrung.

-- ,,Also ich denke, ich verdrücke mich auch lieber mit dir auf einer Nachtwanderung!'', sagte Cedrik, nachdem Frauke ihm die geplante Aktivität in schonungsloser Offenheit geschildert hatte.

© Bernd Klein